Was ist Stress,
und warum ist
Entspannung wichtig?


Wir können lernen, mit Veränderungen, Problemen und Stress
überhaupt besser fertig zu werden.
Doch dazu müssen wir zunächst einmal erkennen,
wann wir unter Stress stehen.

Jon Kabat-Zinn
Gründer der modernen Achtsamkeitspraxis, MBSR-Methode

Was ist Stress?


Wir reden oft über Stress—von Arbeitsstress zum sogenannten Freizeitstress. Aber was ist er eigentlich?

Stress ist eine physische und psychische Reaktion, die bei Lebewesen eintritt und ihnen ermöglicht, besondere Anforderungen zu meistern. Indem er zusätzliche Energiepotentiale zur Verfügung stellt und andere körperliche Auswirkungen ins Leben ruft, wie ein abgeschwächtes Schmerzempfinden, ermöglicht uns Stress, Belastungen besser zu ertragen. Er steigert unsere Leistung und trägt, wenn er kurzzeitig anhält, zur Bewältigung vieler schwieriger Situationen bei. In dieser Hinsicht spielt Stress eine wichtige Rolle in unserem Überleben als Spezies und als Individuen.

Wann wird Stress
ein Problem?


Heute verfügen wir über die gleichen Reaktionsmechanismen wie vor vielen Jahrtausenden, aber nicht die gleichen Stressabbaumöglichkeiten. Außerdem haben sich die Gefahren geändert: einerseits sind sie im Durchschnitt weniger lebensbedrohlich geworden, dafür aber allgegenwärtiger. Mit anderen Worten, auch wenn wir uns relativ selten in akuten Gefahrensituationen befinden, fehlen uns trotzdem die notwendigen Erholungsmöglichkeiten, die Stressabbau fördern und ermöglichen. Wenn Stress über längere Zeiträume anhält, kann der Körper sich nicht erholen und steht in ständiger Alarmbereitschaft.

Auf Dauer macht Stress krank. Deswegen ist es wichtig, Entspannungsübungen im Alltag einzubauen.

Ständig unter Spannung -
die Folgen


Die Folgen und Probleme einer solchen ständigen Alarmbereitschaft lassen sich vortrefflich durch das Bogenschießen darstellen. Beim Bogenschießen handelt es sich in erster Linie um das Anspannen und das Loslassen - erst nachdem Schützen loslassen, können sie sich erholen, sich anderen Tätigkeiten widmen und vielleicht sogar ihre Ziele treffen.

Wenn sie nicht verwendet werden, sind Bögen relativ flach. Damit Schützen schießen können, werden sie mittels Sehnen angespannt - diese Spannung verleiht ihnen die Form, die wir alle kennen, und macht sie leistungsfähig. Und damit ihre Pfeile fliegen, müssen Schützen zusätzliche Spannung aufbauen, indem sie die Sehnen ihrer Bögen zurückziehen.

Mithilfe des Bogens veranschaulicht der Entspannungstrainer Anspannung.

Unser Nervensystem enthält den Sympathikus, oder das sympathische Nervensystem, der für Aktivität zuständig ist. Er ist Teil des vegetativen, unwillkürlichen Nervensystems und bereitet den menschlichen Organismus auf körperliche und geistige Leistungen vor. Wenn wir die Analogie des Bogenschießens weiterführen, können wir den Sympathikus mit dem Anspannen eines Bogens und dem Zurückziehen der Sehne vergleichen: damit wir eine Leistung hervorbringen können, stellt uns der Sympathikus zusätzliche Energie zur Verfügung. Und mit dem Ziel, eine Leistung zu erzielen, erzeugen Schützen die obengenannte zweifache Spannung mit ihren Bögen.

Erst wenn Schützen diese Spannung loslassen und ihre Pfeile fliegen lassen, können ihre Körper und ihre Bögen zu einem entspannten Zustand zurückkehren. Zur Ruhe. Unser Nervensystem besteht auch aus dem parasympathischen Nervensystem, oder dem Parasympathikus, der sich in solchen Ruhezuständen um wichtige Körperfunktionen kümmert. Wir brauchen diese Ruhezustände, damit der Parasympathikus unter anderem die Verdauung aktivieren und für Entspannung sorgen kann.

Im übertragenen Sinne zielen viele Menschen heute allzu oft und allzu lang und lassen ihre Pfeile allzu selten los. Wenn Schützen dies tun, fangen sie an zu zittern. Dieses Zittern mindert ihre Treffsicherheit, oder Leistungsfähigkeit, und ist ein Zeichen dafür, dass die Schützen zu lange unter körperlichem Stress stehen. Die Folgen dieses Dauerstresses sind in diesem Beispiel nicht nur geringere Leistungsfähigkeit, sondern auch Muskelkater und erhöhtes Verletzungsrisiko.

Die meisten Menschen erfahren andere Stressformen als Bogenschützen, aber die gleichen Mechanismen, Reaktionen und Folgen sind im Spiel. Wie Schützen, erfahren Menschen mit Dauerstress und unzureichende Ruhephasen oft schmerzhafte Verspannungen, und es kann zu Leistungsminderungen kommen. Wenn der Stress zu lange anhält und keine Ruhephasen eintreten, können Menschen sogar daran erkranken.

Deswegen ist es wichtig, im Alltag loszulassen.

Erst nachdem wir loslassen kann Entspannung eintreten und Stressabbau beginnen.

Warum können wir nicht
einfach loslassen?


Wie bereits erwähnt, sind unsere wahrgenommenen Gefahrensituationen in den meisten Fällen nun weniger lebensbedrohlich als in früheren Phasen der Menschheitsgeschichte. Wir benötigen dementsprechend selten die gleichen Energieschübe wie in früheren Entwicklungsstufen unserer Spezies, zum Beispiel als unsere Vorfahren Mammute erlegen oder vor Raubtieren flüchten mussten. Heute werden wir eher mit Redeangst oder Kritik am Arbeitsplatz konfrontiert. Einerseits würde niemand behaupten, dass diese Ängste und Situationen angenehm seien. Andererseits würde fast niemand behaupten, sie seien so gefährlich wie eine Säbelzahntiger aus der Urmenschenzeit. Allerdings wappnen uns unsere Körper und unsere Nervensysteme gegen Redeangst und Raubtiere mit ähnlichen Mitteln.

Kurzgefasst: unser Nervensystem ist noch auf die menschliche Urzeit programmiert.

Insbesondere, seitdem Menschen sesshaft wurden, ändern sich unsere Lebensweisen schneller als unsere Nervensysteme, die für Stressreaktionen und Stressabbau zuständig sind, es können. Die Entwicklung des iPhones und ähnlicher Technologien kann diese rasanten Änderungen der Gesellschaft hervorragend veranschaulichen: seit 2007, also innerhalb einer Menschengenerationen, erschienen etliche iPhone-Generationen mit neuen und angeblich besseren Betriebssystemen auf dem Markt.

Unsere Urzeitmechanismen müssen nun mit der ständig wandelnden Digitalwelt zurechtkommen. Dies wird dadurch erschwert, dass uns heute nicht die gleichen Stressabbaumechanismen zur Verfügung stehen wie vor mehreren zehntausend Jahren. Während des Großteils der menschlichen Evolution, schlugen wir unsere Gegner oder flüchteten von ihnen und erholten uns im Anschluss. Diese Überlebensstrategie ist nicht mehr mit unserer Gesellschaft kompatibel.

Wir müssen also Alternativen finden.

Am Ende des Tages müssen wir loslassen und entspannen, um gesund zu bleiben.

Was passiert,
wenn wir nicht loslassen?


Wenn wir keine alternativen Stressabbaumöglichkeiten finden, wird der Überlebensmechanismus Stress auf Dauer ungesund. Er kann unter Anderem zu Erschöpfung, Verspannungen oder sogar Depressionen und Teufelskreisen führen.

Deswegen ist es wichtig, alternative Stressabbaumethoden zu praktizieren und überschaubare Änderungen im Leben einzubauen, die der Stressprävention dienen. L.o.S. bietet einige Methoden und Ansätze zu diesem Zweck an.

Die beste Weise, sich um die Zukunft zu kümmern,
besteht darin, sich sorgsam der Gegenwart zuzuwenden.

Thich Nhat Hanh
Vietnamesischer Meditationslehrer, Dichter und Friedensaktivist